Gebete und große Probleme

Aufmerksam verfolgt ein ungefähr dreizehnjähriger Junge, wie wir die Türen unseres LKW-Anhängers öffnen. Kartons, gefüllt mit gut erhaltener, gebrauchter Kleidung, Matratzen, Nähmaschinen und vielem mehr, holen wir hervor und übergeben sie dem Helfer-Team der bulgarischen Gemeinde in Raslog. Auch der Junge hilft, wo er kann. Als wir nahezu fertig mit Abladen sind, stößt er einen Jubelschrei aus! Ganz hinten kommen rund 20 Fahrräder zum Vorschein. Eifrig zupft er an Pastor Christov Asen: „Bekomme ich dieses Mal ein Fahrrad?“

Auch vor einem Jahr war er schon beim Abladen der Hilfsgüter, die wir aus Deutschland nach Bulgarien gebracht hatten, dabei gewesen. Damals hatte er seinem Pastor dieselbe Frage nach einem Fahrrad gestellt. Leider musste ihn dieser enttäuschen, empfahl ihm aber, doch für ein Fahrrad zu beten.

Heute erzählt er atemlos, er habe seit einem Jahr für ein Fahrrad gebetet. Nun ist er stolz und überglücklich, dass ihm ein Fahrrad überreicht wird. Zwar darf er es nicht ganz alleine nutzen, denn es gibt dort viele, die kein Fahrrad haben und dringend eines brauchen, aber immerhin: Jetzt wird er ein Fahrrad in Obhut haben, es jederzeit selbst fahren können und es ansonsten gerne an andere ausleihen, es pflegen und überhaupt gut darauf aufpassen.

Später berichtet uns Pastor Asen von einem anderen Wunder im Zusammenhang mit unserem Transport. Eine Familie aus Raslog war in großer finanzieller Not und wusste sich keine Hilfe. In ihrer Verzweiflung betete sie. Da sie arm war, bekam sie aus unserem Transport Kleider und Spielsachen für ihre Kinder. Niemand von uns wusste von ihren Problemen und niemand ahnte etwas von ihren Gebeten. Was wir ebenso nicht wussten, war, dass sich in einem der Spielsachen genau der Geldbetrag befand, um den sie Gott so sehr gebeten hatte.

Glücklich und dankbar machen wir uns auf die über 2000 Kilometer lange Heimfahrt von Raslog in Bulgarien zurück nach Deutschland. Wir sind froh, dass wir den Menschen dort helfen konnten.

Plötzlich werden wir von der Polizei angehalten. Uns wird vorgeworfen, auf einer Straße zu fahren, die von LKWs nicht befahren werden darf. Leider haben wir das Schild wohl übersehen. Die bulgarische Polizei will uns nicht weiterfahren lassen und den LKW still legen. Ratlos rufen wir in Raslog an und bitten Pastor Christov Asen mit der Polizei zu verhandeln, da wir die Sprache nicht können. Pastor Christov fordert uns auf: „Betet und vertraut.“ Das ist leicht gesagt, finden wir, aber wir beten, denn der Polizist lässt uns stehen und murmelt nur einen einzigen Satz: „Big problem!“

Über eine Stunde und mehrere Telefonate später drückt er uns mit Tränen in den Augen unsere Pässe in die Hand. Wir dürfen gehen. Einfach so.

Dass wir fahren dürfen, haben wir der Fürsprache und dem Zeugnis der Rasloger Polizei zu verdanken. Der Verkehrspolizist hat mit ihnen Rücksprache gehalten und von unserer ehrenamtlichen humanitären Arbeit erfahren. Seine Kollegen in Raslog haben ihm außerdem von der Gemeinde dort berichtet, die ohne unsere Hilfe kaum eine so wichtige Arbeit machen könnte. Seit Christov Asen nämlich die Gemeindearbeit unter den Roma begonnen hat (dort wohnen die meisten Roma in ganz Bulgarien), ist die Kriminalität in Raslog auf Null zurückgegangen. Vor 25 Jahren haben wir den Verein „Hilfsdienst für Notleidende“ mit kleinen Transporten in den ehemaligen Ostblock begonnen. Wir sind Gott sehr dankbar, dass wir seither Kirchen, soziale Einrichtungen und Gemeinden in Bulgarien, Rumänien, Polen, Ukraine … unterstützen können, die den armen Menschen vor Ort ganz praktisch helfen und Gottes Liebe bringen möchten.