Weint mit den Weinenden

Mit einer Tüte Lebensmittel stehen wir einer alten Frau gegenüber. Wir sind in Marianka, nur wenige hundert Meter von der Frontlinie im Osten der Ukraine entfernt. Man könnte meinen, die Kämpfer würden sich an die vor über zwei Jahren ausgehandelte Waffenruhe halten, doch die Ruhe täuscht. „Schon manchmal musste ich in der Gemeinde übernachten, wenn die Gefechte nach der Bibelstunde so schlimm waren.“ Die alte Frau kann es kaum fassen, dass wir von Deutschland hierher gekommen sind, um sie zu besuchen.

Als „Hilfsdienst für Notleidende“ aus Pforzheim haben wir es uns auf unsere Fahnen geschrieben, Menschen in Leid und Not durch humanitäre Hilfe zu unterstützen. In der Ukraine können wir dies gemeinsam mit Pastoren und ihren Gemeinden tun, die sich selbst unermüdlich für hilfsbedürftige Menschen einsetzen.

Zusammen mit unserem Mittelsmann Sascha und unserer Übersetzerin konnten wir mit Pastor Alexander Kriegsgeschädigte in der Krisenregion am Donbass besuchen. Von Kiew aus kommen wir nach gut 12 Stunden Fahrt dort an und sind erschüttert. Der Krieg und die Probleme, die er mit sich bringt, sind sehr präsent. Im Hinterland ist es schwierig, die Geflüchteten zu versorgen. Rund 70% der Hilfe für die Betroffenen kommt direkt aus der Ukraine. Aber die Güter sind oft zu wenig und der Transport zu den Menschen zu weit, zu schwierig und zu teuer. Von dem Bischof der Pfingstgemeinden in der Region erfahren wir, dass deshalb einige Gemeinden immer wieder Essen für die Flüchtlinge anbieten, andere Lebensmittel und Kleidung an sie weitergeben.

Anders sieht es ganz vorne an der Frontlinie aus. Etliche Häuser sind durch Beschuss beschädigt oder ganz zerstört. Wir besuchen eine Schule in Marianka, in der trotz der Gefahr durch Beschuss für ca. 170 Kinder und Jugendliche regulärer Unterricht abgehalten wird. Ihre Lehrerin, eine junge Frau, steht in beeindruckender Weise zu ihrer Aufgabe: „Das sind meine Kinder, ich bleibe hier.“ Die Fenster sind zur Hälfte hoch mit Sandsäcken verbarrikadiert, zum Schutz gegen Splitter. In den Fluren sind Wegweiser zum Schutzraum im Keller aufgehängt und es ist farblich markiert, wo man sich aufhalten kann und wo nicht. Ähnliche Räume kennt man aus Berlin, aber dort dienen sie als Museum, der tiefe Ernst hier in der Ukraine schafft schon eine ordentliche Gänsehaut! Einige Straßenzüge weiter, nahe der roten Linie, besuchen wir Familien und ältere Menschen, die das Frontgebiet nicht verlassen wollen oder können. Hier sehen wir Zäune, Mauern, Fenster, die von Splittern durchlöchert wurden, und die Leute erzählen, dass jeden Abend bis in die Nacht hinein geschossen wird. Wir bringen einige Lebensmittel mit, die an die dankbaren Familien weitergegeben werden. Zwei alte Mütterlein weinen vor Dankbarkeit, umarmen und küssen uns – auch wir sind zu Tränen gerührt.

Wir haben 30 verschiedene Abnahmestellen in der Ukraine, die auf unsere geladenen Güter warten. In der Westukraine sind es Gemeinden, die sich um Geflüchtete kümmern, Sozialämter und Krankenhäuser. In Kiew und Umgebung versorgen wir zudem eine Blindenschule und ein Drogenrehabilitationszentrum. Im westlichen Teil der Ukraine kämpfen die Menschen mit dem Alltag. Außerhalb der Ballungszentren gibt es kaum Arbeit und in den großen Städten ist das Leben sehr teuer. Kleidung, Fahrräder, Krankenhausbedarf … alles, was wir bringen, ist ein begehrtes Gut.

Dass wir diese Güter bis zu den hilfsbedürftigen Menschen bringen konnten, haben wir Gottes Hilfe zu verdanken. Bei der Durchreise sind wir auf unerwartete Probleme gestoßen, die unlösbar schienen. Als wir Fahrer nichts mehr tun konnten und darauf angewiesen waren, dass unsere Gebete erhört würden und die Zollbeamten ein Auge zudrückten, geschah dieses Wunder tatsächlich. Doch nicht nur, dass wir weiterfahren durften, die sonst üblicherweise völlig verstopfte Ausfahrt vom Zollhof war frei … So haben wir ein Wunder erlebt und absolut keinen Zeitverlust gehabt!

Wieder einmal haben wir zwei Dinge erfahren: Ohne die Gebete und Unterstützung durch Sie, liebe Spender, können wir keine Hilfe in die Krisenregionen bringen. Und zweitens zeigt sich, wie wichtig es ist, an die Menschen in der Ukraine zu denken und sie mit Transporten zu unterstützen! Danke, dass Sie uns das möglich machen durch Ihre Spenden!

Unsere Freunde dort grüßen Sie ganz herzlich, wünschen Ihnen Gottes Segen und bitten darum, dass wir im Frühjahr wieder kommen!