Flüchtlinge in der Ukraine besucht

Ein Hilfstransport in die Ukraine im April 2016.
Svetlana (*Name geändert) schiebt mir ein Marmeladengläschen über den Tisch zu. „Himbeermarmelade 2013“ steht darauf. Sie hat diese Marmelade schnell noch aus dem Regal genommen und in ihr Gepäck gesteckt, als sie ihr Haus verlassen hat. Es gehörte zu ihrer Notration, das ihrer Familie über die nächsten Tage helfen sollte. Dann hatten sie den wartenden Bus bestiegen, um aus der Frontlinie bei Donezk in Sicherheit gebracht zu werden. Es war zu gefährlich geworden. Die Gefechtslinie war bedrohlich näher gerückt. Alle hatten geglaubt in ein, zwei Wochen wieder zurück in ihre Wohnung zu können, darum hatten sie nur das Nötigste mitgenommen. Ein wenig Unterwäsche zum Wechseln, Vesper für die Kinder. Und ein Gläschen Marmelade.

Über 60 Millionen Menschen sind heute weltweit auf der Flucht. Sie fliehen vor Krieg, Hunger und Verfolgung. Sie haben nur eines im Sinn: dem Tod entkommen, eine Zukunft, Leben finden. Svetlana und ihre Nachbarinnen reden alle durcheinander: „Eineinhalb Jahre ist es her, dass wir geflohen sind. Man hat uns hierher in dieses ehemalige Erholungsheim gebracht. Anfangs sind wir erschrocken über die schlechte Unterkunft, aber dann waren wir froh, dass wir wenigstens ein Dach über dem Kopf hatten. In ein paar Wochen müssen wir raus – ein Ultimatum der Regierung. Wir sind ihnen egal. Unsere Männer arbeiten hier und da als Tagelöhner. Bei einem Gewitter wachen meine Kinder jedes Mal schreiend auf, sie glauben es wäre wieder Bombenalarm. Sie schreien, weinen und klammern sich zitternd an mich…“

Gerd und Jürgen vom HfN hören den Berichten der traumatisierten Frauen zu, die von Tamara und Sascha aus Kiew übersetzen werden. Sie besuchen die Flüchtlinge in dem Heim oft. Heute ist das HfN-Team mit dabei und hat ihnen Kleidung mitgebracht. Jacken, T-Shirts, Hosen, Schuhe, die Sie, liebe Spender, uns zur Verfügung gestellt haben. Außerdem werden sie Lebensmittelpakete erhalten, die der HfN in Ihrem Namen besorgen konnte. Die Flüchtlinge aus Lugansk und Donezk hatten kaum Kleidung bei sich, als sie aus ihren Wohnungen evakuiert wurden. Sie sind die Leidtragenden des Krieges in der Ost-Ukraine. Sascha und sein Team kümmern sich um die Frauen und ihre Familien, wo sie können. Sie veranstalten Freizeiten, Bibelabende und Grillfeste. Unser Besuch ist ein weiterer Höhepunkt für sie. Menschen, die das Gefühl haben, vergessen zu sein von ihrem eigenen Land, werden von uns besucht. „Ich nehme das Marmeladenglas nur sehr ungern und doch muss ich es nehmen, sonst würde ich die Frau tief verletzen.“